The Fear of 13 am Broadway – Ein Stück über die Geschichte von Nick Yarris
Mit The Fear of 13 bringt der Broadway die Geschichte von Nick Yarris auf die Bühne. Ein endringliches Stück über ein Fehlurteil, das Jahrzehnte Bestand hatte.

The Fear of 13 am Broadway erzählt die Geschichte von Nick Yarris, einem US-Amerikaner, der wegen Mordes verurteilt wurde und über zwanzig Jahre in der Todeszelle verbrachte. Nick Yarris hat diese Tat aber nie begangen; er war unschuldig. Das Stück basiert auf realen Ereignissen und entfaltet sich als persönliche Erzählung über Zeit, Hoffnung und systemisches Versagen.
Auf der Bühne wird Yarris von Adrien Brody verkörpert, der den Abend über weite Strecken allein trägt. Er führt das Publikum durch Erinnerungen, Brüche und Reflexionen. Die Struktur ist nicht streng chronologisch, sondern bewegt sich zwischen verschiedenen Zeitebenen. Dadurch entsteht nach und nach ein Bild davon, wie es überhaupt zu dem Urteil kommen konnte und wie es lange Bestand haben.
Dass Brody sich dieser Rolle nähert, hat auch mit einer persönlichen Erfahrung zu tun. Als junger Mann besuchte er mit seiner Mutter, der Fotografin Sylvia Plachy, ein Hochsicherheitsgefängnis in Louisiana. Dort begegnete er einem Häftling, der seit Jahrzehnten einsaß und kunstvolle Objekte aus einfachen Materialien herstellte – unter anderem eine kleine Schachtel aus Zigarettenpapier, die Brody bis heute aufbewahrt. Diese Begegnung prägt seinen Blick bis heute: die Vorstellung eines ganzen Lebens, das auf einen einzigen Fehler reduziert wird, und zugleich die Fähigkeit selbst unter extremen Bedingungen etwas Eigenes, Sinnstiftendes zu schaffen.
Als Brody das Skript, geschrieben von Lindsey Ferrentino, zum ersten Mal las, reagierte er entsprechend emotional. Das Theaterstück basiert auf einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2015 und erzählt von Yarris’ Verurteilung, seiner jahrzehntelangen Haft und schließlich seiner Entlastung durch DNA-Beweise im Jahr 2004. Was Brodys Spiel besonders macht ist Darstellung menschlicher Widerstandskraft: die Fähigkeit, selbst unter extremen Bedingungen eine Form von innerer Freiheit zu bewahren.
Diese Dimension durchzieht auch die Inszenierung von David Cromer. Die Bühne bleibt bewusst reduziert, visuelle Mittel werden sparsam eingesetzt. Der Fokus liegt auf Sprache, Präsenz und Erinnerung. Doch diese Zurückhaltung verstärkt die Wirkung: Große Themen entfalten sich ohne theatrale Überhöhung.
Ein zentraler inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der Rolle von DNA-Beweisen im Wiederaufnahmeverfahren. Obwohl von Anfang an biologisches Material vorhanden war, blieb die Möglichkeit einer DNA-Analyse lange ungenutzt. Das Stück macht die daraus entstehenden Konsequenzen spürbar: Verzögerungen, Ablehnungen, jahrzehntelange Unsicherheit sowie ein ständiges Wechselspiel zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Yarris' Beziehung zerbricht unter der Belastung der langen Haft, der Distanz und der Ungewissheit. Selbst dort, wo Nähe möglich scheint, zeigt sich ihre Fragilität.
Erst viele Jahre später wird die DNA dann tatsächlich analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig und widerlegt die ursprüngliche Verurteilung. Auffällig ist, dass das Stück diesen Moment nicht als dramatischen Höhepunkt inszeniert. Die Aufklärung kommt spät – zu spät.
Die Zusammenarbeit mit dem Innocence Project unterstreicht diese Perspektive. Die Organisation setzt sich für die Aufklärung von Fehlurteilen ein, insbesondere durch DNA-Analysen. Das Stück versteht sich damit nicht nur als individuelle Geschichte, sondern auch als Hinweis auf ein strukturelles Problem: Fehlurteile sind keine Ausnahme.
Auch der deutschen Perspektive wirkt dieser Befund vertraut. Selbst erfolgreiche Wiederaufnahmeverfahren bedeuten für die Betroffenen kein echtes Happy Ende Die verlorenen Jahre lassen sich nicht zurückholen. Zugleich wäre ein Fall wie der von Yarris hier unter Umständen noch schwerer aufzuklären gewesen, da Beweismittel in dr Regel nicht dauerhaft aufbewahrt werden. Ohne vorhandene Asservate wären DNA-Analysen, die im Fall Yarris entscheidend waren, möglicherweise gar nicht mehr möglich gewesen.