Innocence Network Conference 2026 in Chicago
Die Innocence Network Conference in Chicago hat eindrücklich gezeigt, wie schwierig und langwierig die Aufarbeitung von Fehlurteilen ist. Neben rechtlichen Fragen, etwa zur Rolle von Wiederaufnahmeverfahren und neuen Technologien wie DNA-Analysen und Künstlicher Intelligenz, standen vor allem die Erfahrungen der sogenannten Exonerees im Mittelpunkt. Viele von ihnen hatten Jahrzehnte unschuldig im Gefängnis verbracht. Besonders deutlich wurde, wie wichtig es ist, Mandant:innen ernst zu nehmen, zuzuhören und auch strukturelle Defizite im Strafverfahren kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig wurde im internationalen Vergleich sichtbar, dass das deutsche Wiederaufnahmerecht in zentralen Punkten hinter anderen Systemen zurückbleibt. Die Konferenz hat sowohl fachliche Impulse geliefert als auch den Blick dafür geschärft, dass es im Strafrecht immer um Menschen geht.
Bericht: Innocence Network Conference in Chicago (9.–11. April 2026)
Die Innocence Network Conference in Chicago war mehr als eine klassische Fachkonferenz. Die Tage waren intensiver und vielschichtiger, als man es im Vorfeld erwartet hätte. Neben fachlichen Impulsen haben sie vor allem den Blick auf die Strafverteidigung und ihre menschliche Dimension geschärft.
Besonders eindrücklich waren die Geschichten der Menschen, die über Jahrzehnte hinweg zu Unrecht inhaftiert waren. Vieles daran war schwer auszuhalten. Gleichzeitig hatte es auch etwas Schönes, diesen Menschen heute zu begegnen, mit ihnen zu sprechen, zu lachen und ihre Freiheit zu feiern. Gerade dieses Nebeneinander von Schmerz und Lebensfreude hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Auftakt im Cook County Jail
Noch vor dem offiziellen Beginn der Konferenz führte der Weg in das Cook County Department of Corrections. Dank des Douglass Project bestand die Möglichkeit, dort mit Inhaftierten ins Gespräch zu kommen. Ziel des Projekts ist es, Begegnungen zu schaffen, die Grenzen überwinden und Verständnis fördern. Es geht darum, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich im Alltag kaum begegnen.
Begleitet wurde der Besuch von JJ Velazquez, der selbst mehr als zwei Jahrzehnte unschuldig in Haft verbracht hat.
Sein Fall steht exemplarisch für die Probleme des US-amerikanischen Strafjustizsystems. Seine Verurteilung stützte sich maßgeblich auf fragwürdige Zeugenaussagen und eine insgesamt schwache Beweislage. Entlastende Hinweise wurden nur unzureichend berücksichtigt, während belastende Aussagen, die teilweise unter problematischen Umständen zustande kamen, erhebliches Gewicht erhielten. Solche Konstellationen sind typisch für Fehlurteile, insbesondere wenn Ermittlungen früh auf eine bestimmte Person fokussiert werden. Erst viele Jahre später gelang es, Widersprüche im ursprünglichen Verfahren sowie neue entlastende Aspekte herauszuarbeiten. Eine Dokumentation über seinen Fall findet sich hier: https://vimeo.com/1031257190/4cb0ac016b.
Gemeinsam mit insgesamt 48 Gefangenen frühstückten wir im Gefängnis. Wir saßen uns an Tischen gegenüber, kamen direkt ins Gespräch und verbrachten mehrere Stunden miteinander. Die Begegnung war von Anfang an erstaunlich offen. Es wurde viel gelacht, es wurden Geschichten erzählt und gleichzeitig waren die Gespräche an vielen Stellen sehr persönlich. Besonders augenfällig war die große Freude der Inhaftierten über das Frühstück, das für die Besuchsgruppe gewiss keinen kulinarischen Höhepunkt darstellte, für sie jedoch um Welten besser war als das, was sie sonst bekommen